“Wir haben am Anfang ja gehofft, dass es bis August wieder vorbei ist…”

Moin und hallo zur dritten Ausgabe unseres CORONA-SPECIAL unserer Interviewreihe FRAGWUERDIG!

Wir sagen hallo zu Michael Gugelfuss! Er ist einer der Hauptorganisatoren und Booking-Verantwortlichen des Obstwiesenfestivals welches jährlich in Dornstadt bei Ulm stattfindet. Auch mit ihm haben wir über die Auswirkungen und Chancen von COVID-19 auf die Eventbranche gesprochen, wie er mit seinem Verein diese Krise übersteht und wie er die Zukunft der Branche einschätzt.

Viel Spaß beim lesen!

Hier geht’s zum ersten Interview mit Alexander Schröder von Redfield Records!
Hier geht’s zum zweiten Interview mit Thorsten Seif von Buback!

 

Seit 1996 findet jährlich das Obstwiesenfestival in Dornstadt bei Ulm statt. Mit rund 20.000 Besuchern zählt ihr zu einem der größten Umsonst-und-Draußen-Festivals. Ihr hattet es in all den Jahren zwar schon oft mit schwierigen Situationen zu tun – vor allem was wechselnde Locations und das widerspenstige Wetter angeht. Aber die aktuelle Situation hat vollkommen andere Dimensionen. Hat sich deine tägliche Arbeit durch die Corona-Krise maßgeblich verändert? Wenn ja, wie unterscheidet sie sich von der „Normalität“?

Es geht sogar noch weiter zurück, das erste Obstwiesenfestival – umsonst & draußen fand sogar schon 1990 statt. Letztendlich ist es für die Macher*innen immer tragisch wenn eine geplante Veranstaltung nicht stattfinden kann, egal was die Gründe dafür sind. Vor allem die Absage 2011 ist mir noch in Erinnerung als wir mit The Weakerthans, eine meiner Lieblingsband bestätigt hatten, dann aber kurzfristig doch kein Gelände bekommen haben.

Heute sehe ich das etwas gelassener. Aus musikalischer Sicht ist es dieses Mal nur aufgeschoben, da wir alle Künstler auf das Jahr 2021 verlegen konnten – in der Hoffnung das es dann ein Festival geben kann. Da man kein Festival-Ziel für 2020 hat läuft aber alles etwas auf halber Geschwindigkeit und sobald man wieder frei agieren und sich treffen kann werden wir die Team-Sitzungen wieder aufnehmen. Derzeit läuft eben viel digital und immer mit einer gewissen Verzögerung, da zwar viele schon für 2021 planen, es aber doch irgendwie noch weit weg ist.

Southside & Hurricane: abgesagt! Rock am Ring & Rock im Park: abgesagt! Jegliche Art von Großveranstaltung sind – Stand heute – bis 31. Oktober 2020 verboten. Die zeitliche Entwicklung der Pandemie und deren Auswirkungen auf die Live-Event-Branche sind nicht wirklich abzusehen. Ob geplante Konzerte, Festivals und Touren diese Jahr überhaupt noch stattfinden, steht in den Sternen. Wie geht ihr damit um, nicht kurz- und mittelfristig planen zu können?

Hier haben wir ja etwas den Vorteil, dass wir nur für eine Geschichte planen müssen. Da es dieses Jahr kein OWF geben wird, haben wir zwangsläufig schon mit den Planungen für 2021 begonnen und gefühlt noch nie so viel Vorlauf gehabt. Alles in der Hoffnung, dass es 2021 wieder mit der alten Normalität weitergehen kann. Kurz- bzw. Mittelfristig jedoch was anzustoßen ist natürlich schwierig und macht für uns daher gerade wenig Sinn.

Wie hast du dich / euer Verein für so eine Krisensituation gewappnet? Ist es überhaupt möglich, sich auf so etwas vorzubereiten?

Auf das kann man sich nicht vorbereiten. Wir haben am Anfang ja gehofft, dass es bis August wieder vorbei ist…

Fühlt ihr euch durch diese außergewöhnliche Situation kreativ eingeschränkt? Oder, darüber hinaus, finanziell und existenziell bedroht?

Finanziell haben wir dadurch erst einmal keinen großen Nachteil. Zum Glück liefen auch die letzten beiden Festivals gut, so dass wir ein Jahr ohne Festival aus dieser Hinsicht gut überstehen. Wir haben auch den Vorteil, keine Tickets erstatten zu müssen und ein Großteil des Programms und Infrastruktur war auch erst noch in der Angebotsphase. Eingeschränkt ist man aber auf jeden Fall, da man ja für dieses Jahr nix verlässlich planen kann.

Hunderte livestream-Konzerte auf Instagram täglich, Patreon und Crowdfunding- Plattformen explodieren förmlich. Ist das die richtige, oder vielleicht sogar einzige Herangehensweise für Bands und Künstler, die Krise zu überstehen? Was können erfahrene Festival-Veranstalter wie ihr tun?

Viele Möglichkeiten gibt es derzeit ja nicht sich zu präsentieren, von daher sind livestream-Konzerte schon eine Möglichkeit. Allerdings ist es nahezu unmöglich den Überblick zu behalten und mir persönlich ist das auch zu viel. Ich denke alle müssen schauen, wie sie am besten über die Runden kommt, daher finde ich es auch in Ordnung wenn man solche Aktionen dafür heranzieht.Wir als Festival-Veranstalter können da nicht wirklich viel tun, da wir ja zeitlich begrenzt sind. Was wir aber angeboten haben, bereits ein Teil der Gage von 2021 schon in diesem Jahr auszubezahlen. Bisher hat das auch eine Band in Erwägung gezogen. Was natürlich auch immer geht, etwas über unsere Festival-Kanäle mit unserer guten Reichweite zu kommunizieren.


Obstwiesenfestival 2019 – Aftermovie

Viele Touren, Konzerte und Festivals mussten sehr kurzfristig abgesagt werden. Das ergibt einen massiven Einschnitt in das Live-Geschäft. Eine „große“ Agentur kann das vielleicht eher verschmerzen, als kleine Agenturen und Start-Ups. Wie geht ihr damit um? Oder sind gerade die Big Player genau so bzw. noch stärker betroffen?

Ich denke dass die großen Player die Krise gut überstehen müssten. Der Live-Sektor ist in den letzten Jahren ja extrem gut gelaufen und wenn man ordentlich gewirtschaftet hat, dann müsste dies auch möglich sein. Wenn nicht, dann ist es vielleicht auch nicht das schlechteste, wenn ein Großer mal wieder zerschlagen wird. Um die ganzen kleinen Agenturen und Veranstalter mit denen wir ja viel zusammenarbeiten tut es mir extrem leid. Gerade Bereich der Club-Konzerte mit denen eh kein großes Geld zu machen ist, ist es ganz bitter. Auf der anderen Seite bleibt zu hoffen, dass die kleinen Konzerte vielleicht auch früher wieder starten können. Es bleibt aber auf jeden Fall schwierig  und kompliziert.

Dass diese Situation viele Schwierigkeiten, Herausforderungen und Gefahren mit sich bringt steht außer Frage. Hast du und euer Team einen Weg gefunden, trotz dessen einen positiven Nutzen aus der Krise für dich bzw. euren Verein zu ziehen?

Wir wollen die unfreiwillig gewonnene Zeit jetzt nutzen um alles beim Festival mal zu hinterfragen und zu prüfen wo es noch Ansatzpunkte für Verbesserungen gibt. Zum einen im Hinblick auf Go Green und zum anderen auch wo man das ehrenamtliche Team ggf. entlasten kann. Auch gibt es einiges zu tun das man sonst immer in die Auf- und Abbauzeit packt, dass wollen wir dieses Jahr alles abarbeiten.

Das Lineup des OWF für 2021

In den Medien war in letzter Zeit oft die Rede von systemrelevanten Berufsgruppen. Welchen Stellenwert rechnest du Musikern, (Festival-) Veranstaltern, Musikmanagern, Labels, etc. in diesem Kontext zu? Ist Unterhaltung bzw. Kultur systemrelevant?

Kunst und Kultur ist systemrelevant! Da gibt es in meinen Augen keine zwei Meinungen. Ich finde es auch tragisch wie die Politik damit umgeht. Das fängt mit der Festlegung einer Definition für Großveranstaltungen an, geht weiter über eine mangelnde Förderung und Wertschätzung der Subkultur und endet in der Auferlegung von großen Hürden und Auflagen bei Genehmigungen zur Durchführung.

Nehmen wir an die Krise ist vorbei. Gibt es Strategien, Vorgehen oder Prozesse, die bei euch durch die Krise überdacht werden und künftig anders ablaufen werden, wenn die „Normalität“ wieder einkehrt?

Das wird sich zeigen was bei unserer Reflektion dann hängen bleibt. Im ehrenamtlichen Bereich ist das ja auch immer etwas schwierig, da es am Ende ja immer noch Spaß machen muss.

Was ist deine persönliche Einschätzung für die Branche bis zum Ende diesen Jahres? Werden im Herbst wieder Club-Konzerte stattfinden? Können wir im Sommer doch schon wieder kleine Festivals besuchen? Oder müssen wir uns noch bis nächstes Jahr (oder vielleicht sogar noch länger) gedulden, bis Musikveranstaltungen veranstaltet werden wie gewohnt?

Das ist der berühmte Blick in die Glaskugel, sicher sagen kann das derzeit vermutlich keiner. Ich rechne eher mit der zweiten Winterhälfte also ab Januar bis es wieder einigermaßen normal mit Club-Shows weitergehen kann. Größeres Veranstaltungen so ist meine Einschätzung vermutlich erst ab Frühjahr 2021. Aber das müssen die Behörden entscheiden und freigeben.

Ich würde aber schon gerne mal wieder auf ein ausverkauftes Club-Konzert gehen. Im kleineren Umfang und mit den Hygiene- und Abstandsregeln geht ja Open Air schon wieder ein bisschen was. Was ich mir jedoch nicht vorstellen mag, sind Veranstaltungen bei denen alle mit Mundschutz dastehen müssen. In Ulm stellt sich mir ja noch eine ganz andere Frage, wo sollen diese Konzerte denn überhaupt stattfinden?

Hast du Ratschläge oder „tröstende Worte“ für andere Veranstalter und Kollegen aus der Branche?

Ratschläge schwierig, da ja auch jede Institution etwas anders gestrickt ist. Ich hoffe nur, dass die bunte Vielfalt auch nach der Pandemie noch vorhanden ist. Auf der anderen Seite ist die Kunst und Kreativität ja ständig im Wandel und es wird so oder so wieder neue Ideen geben die uns erfreuen. Durchhalten und kreativ bleiben und werden.

UPDATE vom 16.08.2020:
Das Team um Michi hat zusammen mit dem kommerzfreien Radiosender freeFM das Alternative Autokino auf die Beine gestellt.

 

Seit 30 Jahren gibt es das Obstwiesenfestival, auf 27 stattgefundenen Festivals kann man in Dornstadt (bei Ulm) zurückblicken. Viele, viele Bands sind seither in die Gemeinde am Fuß der schwäbischen Alb dem Ruf des umsonst&draussen Festivals gefolgt. Viele davon findet ihr jetzt in dieser Spotify-Playlist:

 

 

Vielen Dank an Michael, dass er sich die Zeit für unser Interview genommen hat! 

 

https://obstwiesenfestival.de

https://www.facebook.com/Obstwiesenfestival/

https://www.instagram.com/obstwiesenfestival/

https://open.spotify.com/playlist/51iKudY0nKaHHuNYevVCiT

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