“Wir würden lügen, wenn wir sagen, dass uns das ganze nicht belastet!”

Willkommen zurück zur vierten Ausgabe unseres CORONA-SPECIALs unserer Interviewreihe FRAGWUERDIG!

Heute begrüßen wir unsere Freunde Hannes und Martin, die uns erzählen, wie es ihnen gerade geht, wo sie stehen und wie sie mit der aktuellen Situation umgehen.

Viel Spaß beim lesen!

Falls euch auch eines der anderen Interviews interessiert:
Hier geht’s zum ersten Interview mit Alexander Schröder von Redfield Records!
Hier geht’s zum zweiten Interview mit Thorsten Seif von Buback!
Hier geht’s zum dritten Interview mit Michael Gugelfuss vom Obstwiesenfestival!

 

Seit 2017 seid ihr in den Bereichen Management, Booking und Konzertproduktionen in Leipzig und ganz Deutschland am Start. Gerade junge Unternehmen – wie wir auch – hatten für 2020 eigentlich große Pläne.

Und dann kam Corona. Wie war die Stimmung bei euch und in Leipzig in den letzten Monaten? Hat sich eure tägliche Arbeit durch die anhaltende weltweite Pandemie maßgeblich verändert oder geht ihr im Moment „normal“ zur Arbeit?

Hannes: Du sagst es, wir hatten große Pläne für 2020. In diesem Jahr sind wir hier in Mitteldeutschland als lokaler Konzertveranstalter an den Start gegangen und hatten einen ursprünglich randvollen Terminkalender. Natürlich waren wir auch erstmal enttäuscht und frustriert. Wir machen diesen Job mit absoluter Leidenschaft und freuen uns auf jedes einzelne Konzert. Da ist es natürlich bitter, wenn diese ganzen Pläne erstmal wie eine Seifenblase zerplatzen. Den Kopf in den Sand zu stecken war für uns aber nie eine Option. Es ist die größtmögliche Herausforderung für unsere gesamte Branche und wir müssen lernen, gewohnte Abläufe über den Haufen zu werden und neue unkonventionelle Wege zu gehen.

Wir arbeiten weiter jeden Tag und bis jetzt saßen wir noch nicht im Büro und wussten nicht, was wir mit der Zeit anfangen sollen. :-)

Große Agenturen können große Krisen eher verschmerzen als kleine Agenturen und Start-Ups. Gibt es etwas, das diese tun können um sich finanziell zu stabilisieren? Oder sind die Big Player genau so bzw. noch stärker betroffen?

Hannes: Wir sehen uns hier sogar fast im Vorteil. Natürlich trifft uns das Ganze finanziell hart. Keine Konzerte – keine Umsätze. Aber unser Vorteil an dieser Stelle ist, dass wir als kleiner Zwei-Mann Betrieb auch sehr geringe Fixkosten haben. Wir müssen keine Mitarbeiter bezahlen, unsere Büromiete ist überschaubar und wir können generell viel flexibler auf die neue Situation reagieren.

Die großen Unternehmen haben sicherlich ein deutlich komfortableres Polster, zehren daran aber auch viel umfangreicher.

Fühlt ihr euch durch diese außergewöhnliche Situation kreativ eingeschränkt? Oder,darüber hinaus, finanziell und existenziell bedroht?

Hannes: Wir sind schon gezwungen, in vielen Bereichen neu zu denken. Im Live-Geschäft sowieso, aber auch im Management müssen wir schauen, wie wir unsere Künstler*innen trotzdem weiter entwickeln. Auf jeden Fall haben wir uns vorgenommen, die Zeit sinnvoll zu nutzen und viel Energie in den künstlerischen Entwicklungsprozess zu stecken. Das heißt: Viel Arbeit im Hintergrund um Writing- und Produktionssessions zu organisieren, Veröffentlichungen vorzubereiten usw.

Es ist auch super wichtig, den Künstler*innen in dieser Zeit ein wenig Halt zu geben und zu signalisieren: Es geht auf jeden Fall weiter.

Für uns selbst entwickeln wir gerade ebenfalls Modelle, weitere Geschäftsfelder zu bedienen, um die ausbleibenden Einnahmen aus dem Live Geschäft zu kompensieren.

Sicherlich muss man dabei aufpassen, sich die Sache auch nicht schön zu reden. Die Situation ist und bleibt wirtschaftlich ernst. Bis Konzerte in der Form, wie wir sie vor Corona kannten, wieder möglich sein werden, wird vermutlich noch eine lange Zeit vergehen. Dieser Tatsache mussten wir uns bewusst werden.

Unternehmen konnten bei uns in Deutschland ein Soforthilfe-Paket zur kurzfristigen finanziellen Unterstützung beantragen. Wollt ihr uns erzählen, ob ihr auch Hilfen in Anspruch genommen habt bzw. inwieweit euch finanzielle Herausforderungen unternehmerisch aber auch persönlich belasten?

Hannes: Tatsächlich konnten wir in Sachsen relativ schnell und unbürokratisch Hilfe bekommen. Für unseren kleinen Zwei-Mann Betrieb war das super hilfreich, wir verstehen aber auch größere Firmen mit viel höheren Fixkosten, für die die Hilfe ein Tropfen auf dem heißen Stein ist.

Wir würden lügen, wenn wir sagen, dass uns das ganze nicht belastet. Sicher stellen wir uns Fragen, wie wir es schaffen, all die fehlenden Einnahmen irgendwie zu kompensieren. Auch die ein oder andere Schlaflose Nacht war schon dabei.

Viele Touren, Konzerte und Festivals mussten aufgrund der jüngsten Beschlüsse sehr kurzfristig endgültig abgesagt werden. Die zeitliche Entwicklung der Pandemie und deren Auswirkungen auf Live-Events sind über die aktuellen Beschlüsse hinaus nicht absehbar. Vor allem für 2021. In einigen Bundesländern sind Veranstaltungen unter Auflagen wieder erlaubt und auch ihr promoted schon wieder Konzerte. Booker und Veranstalter haben es aber nach wie vor schwer. Mal abgesehen von Existenz-Fragen spielen moralische Fragen in Entscheidungen eine große Rolle. Muss man, wenn man darf? Könnt ihr schon wieder kurz- und mittelfristig planen?

Martin: Wenn wir ehrlich zu uns sind, weiß niemand, wann es wieder so richtig mit der regulären Durchführung von Veranstaltungen weitergeht. Dennoch bleiben wir immer positiv und schauen auch in dieser schwierigen Zeit optimistisch in die Zukunft. Kurzfristige Planungen sind aktuell jedoch oft aus der Not heraus und ein wirtschaftlicher Wahnsinn. Wir möchten deshalb die langfristige Planung vorantreiben. Viele größere Konzerte haben wir bereits in das nächste Jahr verlegt und wir sind auch darauf eingestellt, dass den Shows in den kleinen Clubs Ähnliches widerfährt. Sicher sind bei Verlegungen oder Ankündigungen neuer Konzerte die moralischen Fragen immer ein großes Thema. Weil man denkt, dass die Konzertbesucher*innen momentan eher verärgert sind über die Flut der Rückabwicklungen ihrer Ticketkäufe und wenig Lust haben, sich für ein Konzert, bei dem man nicht weiß, ob es überhaupt stattfindet, schon wieder Tickets zu kaufen. Die Analyse zeigt aber, dass die Bereitschaft der Fans mittlerweile wieder da ist.

Die Tour von HELGA WEISS wurde auf 2021 verschoben.

Euer Portfolio besteht aus Künstlern, bei denen ihr selbst von der ersten Sekunde an Fans wart. Wie könnt ihr in diesen schwierigen Zeiten einen Newcomer langfristig und erfolgreich aufbauen? Was kommuniziert ihr mit den Künstlern und wie ist eure Herangehensweise bei der Vermarktung?

Martin: Marie Feiler & RIA haben ihre Doppeltour gerade noch so vor dem Lockdown zu Ende spielen können. Unabhängig davon, war für 2020 der Plan, dass wir nach der Tour wieder ins Songwriting gehen. Bei RIA haben wir damit schon im vorherigen Jahr angefangen und ihre erste Single ist gerade erst erschienen. Weitere Auskopplungen werden folgen und im nächsten Jahr erscheint dann die EP. Daher ändern sich in diesem Fall die Mechanismen der Vermarktung nicht maßgeblich. Für uns wird 2021 das Jahr der Neuveröffentlichungen, da freuen wir uns neben der EP von RIA auch auf neue Musik von Dorit Jakobs und Marie Feiler. Dafür bereiten wir im Management

gerade die gewohnten Strukturen vor. Unsere Jungs von Helga Weiss und Kannheiser haben sich in diesem Jahr, wie alle, auf ihre Touren und Festivals gefreut – da haben wir viele konstruktive Gespräche geführt und auch da alles ins neue Jahr verlegt. Das war die einzige sinnvolle Lösung, welche auch auf vollstes Verständnis gestoßen ist.

Hunderte Livestream-Konzerte auf Instagram täglich, Patreon und Crowdfunding- Plattformen explodieren förmlich. Sitzkonzerte bei denen das Tanzen verboten ist finden statt. Ist das die richtige, oder vielleicht sogar einzige Herangehensweise für Bands und Künstler, die Krise zu überstehen? Was können Musiker noch tun, um die Pandemie eventuell sogar für sich zu nutzen?

Martin: Eine Krise bedeutet immer, dass auf der einen Seite die Gefahr ist, auf der anderen aber die Gelegenheit. Die Gefahr sehen wir im Livegeschäft. Die Zeit der Streamingkonzerte war so schnell vorbei, wie sie kam. Live ist es egal, wie man es nennt – alle Formen der Durchführung von Veranstaltungen bringen momentan keinen großen Ertrag. Das ist die Realität. Sicher bekommen die Künstler*innen ihre Gagen, aber dafür muss man als Veranstalter immer gegen die schwarze Null kämpfen – wo viele den Kampf verlieren. Man hat immense Produktionskosten, jedoch nur eine geringe Anzahl an Ticketverkäufen, aufgrund der Auflagen. Dieses “Ihr müsst etwas tun, um im Geschäft zu bleiben” halten wir für wenig zielführend. Angst führt zu Aktionismus, Mut zu Aktion – deswegen beleuchten wir die Gelegenheit der Krise: Wir denken wirklich, dass viele Künstler*innen gerade die Zeit nutzen und sich komplett leer schreiben. Da werden richtig gute Songs entstehen und im nächsten Jahr erwarten wir eine regelrechte Flut an Veröffentlichungen. Du kannst gerade ohne Druck schreiben, manche Sachen, mit denen du nicht zufrieden warst, kannst du jetzt noch korrigieren. Wann hat man mal so viel Zeit, um über seine Kunst nachzudenken, sich vielleicht auch neu zu erfinden? Diese Chance werden viele für sich nutzen und mal einen Schritt zurückgehen, denn Umwege erweitern auch oft den Horizont.


HELGA WEISS – Karies
Teil der Karacho-Familie

Dass diese Situation viele Schwierigkeiten, Herausforderungen und Unsicherheit mit sich bringt steht außer Frage. Hast du einen Weg gefunden, trotz dessen einen Nutzen aus der Krise für dich bzw. dein Unternehmen zu ziehen?

Hannes: Sicher! Wir haben Zeit gefunden, auch mal abseits des Tagesgeschäfts, ganz in Ruhe Ideen zu entwickeln. Sachen zu überdenken, Perspektiven aufzustellen. Das ist zwar auch kein Trost für fehlende Umsätze, aber kann langfristig für unser Unternehmen einen Mehrwert bringen. Wir haben uns stringent vorgenommen, nicht nur akute Krisenbewältigung zu betreiben, sondern den Blick langfristig auf die Zukunft zu richten.

In den Medien war oft die Rede von systemrelevanten Berufsgruppen. Welchen Stellenwert rechnest du Musikern, (Festival-)Veranstaltern, Musikmanagern, Labels, etc. in diesem Kontext zu? Ist Unterhaltung bzw. Kultur systemrelevant?

Martin: Diese Debatte treibt uns immer mehr in eine Bewertungsgesellschaft, was wir total bedenklich finden, denn wir tun uns schwer damit, Branchen hinsichtlich ihrer Wichtigkeit zu bewerten. Das wäre schlichtweg unseriös. Wir leben mit vollem Herzen für die Kunst, für viele ist es der einzige Zufluchtsort – natürlich hat das alles einen hohen Stellenwert und ist absolut systemrelevant. Aber jeder Mensch, jede Berufsgruppe ist wichtig für unser Leben und für unser Miteinander. Alle Rädchen müssen ineinander greifen, damit unsere Gesellschaft funktioniert, somit sollte niemand den Fehler machen, bestimmte Berufsgruppen zu diskreditieren.

Nehmen wir an, die Krise ist überstanden. Gibt es Strategien, Vorgehen, Abläufe oder Prozesse, die bei euch durch die Krise momentan überdacht werden und anders ablaufen werden, wenn die „Normalität“ wieder einkehrt?

Hannes: Unsere Herangehensweise war es schon immer, unsere Abläufe zu überdenken. Wir sind ja noch ein relativ junges Unternehmen und darum sowieso stets bestrebt uns zu entwickeln. Aktuell ist es ja noch schwer zu sagen, wie die Normalität nach der Krise aussieht, darum ist Flexibilität gerade ohnehin das Zauberwort für unsere Branche.

Wir würden uns freuen, wenn du zum Abschluss einen Ausblick wagen könntest: Was ist deine persönliche Einschätzung für die Branche bis zum Ende dieses Jahres? Werden im Herbst wieder Club-Konzerte stattfinden? Können wir im Herbst diesen Jahres wieder kleine Festivals besuchen? Wann ist es endlich wieder soweit, dass Musikveranstaltungen wie gewohnt ausgetragen werden?

Martin: In erster Linie wird es ein ganz langer Weg, bis Veranstaltungen wieder im gewohnten Umfang stattfinden können. Darauf müssen wir uns einstellen und das heißt für uns alle: Geduldig bleiben. Bis es soweit ist und je länger es dauert, wird unsere Branche auf dem Zahnfleisch kriechen, aber gleichzeitig auch überleben – da sind wir zuversichtlich. Natürlich werden unter Berücksichtigung der Schutzmaßnahmen und Einhaltung der Hygieneauflagen in diesem Jahr noch Konzerte stattfinden, welche aber allesamt den gewohnten Charme vermissen lassen. Das wird auch nicht die Zukunft sein, nur ist es aktuell die einzige Möglichkeit. Wir schätzen, dass es in kleinen Etappen wieder Richtung Normalität gehen wird.

Hast du abschließend Ratschläge oder „tröstende Worte“ für andere Agenturen und Kollegen aus der Branche?

Martin: Wir sind uns sicher, dass uns die Solidarität und der große Zusammenhalt innerhalb der Branche am Ende durch dieses Tal bringen wird. Wie immer wird es nach jeder Krise auch wieder einen Aufschwung geben. Deswegen tun wir alle gut daran, seriös weiterzuarbeiten und immer positiv zu bleiben.

 

Songs von Künstlern aus der Karacho-Familie und Songs, die Hannes & Martin hart abfeiern für einen Abend mit den besten Leuten findet ihr auf Spotify:

 

Danke an Hannes & Martin, dass sie sich die Zeit für unser Interview genommen haben! 

 

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